Transformation im Einzelhandel ist seit Jahren ein Dauerthema: neue Onlineshops, neue Warenwirtschaftssysteme, neue KI-Tools. Trotzdem kommen viele Händler nicht konsequent voran. Verändertes Konsumverhalten, Kaufzurückhaltung, Kostenexplosion und das Tempo der künstlichen Intelligenz treffen gleichzeitig aufeinander. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, was technisch möglich ist, sondern was Kunden und Mitarbeitern tatsächlich einen Mehrwert bringt.
Darüber haben wir mit Thomas Klein, Geschäftsführer von propos consulting in Nürnberg, gesprochen. Er hat Handelsunternehmen über viele Jahre in Wachstums-, Digitalisierungs- und Restrukturierungsphasen mitgestaltet, der Einzelhandel ist seine Leidenschaft, Transformation sein Berufsleben. Im Interview erklärt er, warum Veränderung an der Geschäftsführung hängt, wie aus Widerstand bessere Entscheidungen entstehen, warum Technologie kein Selbstzweck ist und weshalb ausgerechnet der Mensch zum wichtigsten Wettbewerbsvorteil des stationären Handels wird.
Vom Einkaufsbummel zur Transformation im Einzelhandel
Herr Klein, Sie sagen, der Einzelhandel sei Ihre Leidenschaft und Transformation Ihr „(Berufs-)Leben“. Wie sind Sie in dieses Themenfeld gekommen, und welche Stationen haben Ihren Blick besonders geprägt?
Meine Leidenschaft für den Einzelhandel begann nicht mit einer Vorlesung, einer strategischen Präsentation und auch nicht mit einer Excel-Tabelle. Sie begann beim Einkaufen mit meiner Mutter.
Ich erinnere mich bis heute an das Gefühl, in der Innenstadt unterwegs zu sein, Menschen zu begegnen, Bekannte zu treffen, schöne Mode und ein schönes Ambiente in den Geschäften zu erleben und dabei hervorragend bedient zu werden. Meine Mutter und ich waren begeisterte Kunden. Wir haben uns gerne beraten und einkleiden lassen, sind anschließend etwas essen gegangen und haben den Einkauf als gemeinsames Erlebnis genossen. Für mich als Kind war das mehr als der Kauf eines Produkts. Es war Freude, Begegnung, Atmosphäre und ein Stück Lebensqualität.
Genau diese Begeisterung für Mode und das Erlebnis Shopping hat mich geprägt. Ich hatte Spaß daran, meine Mutter einzukleiden, mich selbst mit Mode auseinanderzusetzen und später diese Begeisterung auch anderen Menschen zu vermitteln. Sehr guter Service hat mich schon damals begeistert. Ich habe früh verstanden: Menschen erinnern sich nicht nur daran, was sie gekauft haben. Sie erinnern sich daran, wie sie sich dabei gefühlt haben.
Meine Eltern hätten sich für mich eher ein Studium oder eine Ausbildung bei einer Bank gewünscht. Ich wollte jedoch von Anfang an in den Einzelhandel und mit Menschen arbeiten. Schon neben meinem Wirtschaftsabitur konnte ich erste Erfahrungen in einem Modehaus sammeln. Filialeröffnungen, Umbauten des Stammhauses und Veranstaltungen waren für mich besondere Erlebnisse. Mich hat die Dynamik begeistert, die entsteht, wenn etwas neu aufgebaut, verändert und gemeinsam zum Leben erweckt wird.
Veränderung war für mich deshalb nie ein notwendiges Übel. Sie war immer eine Chance, Dinge einfacher, schneller und besser zu machen und damit erfolgreicher zu werden. Diese Haltung begleitet mich bis heute.
Meine Ausbildung im Textileinzelhandel hat diesen Blick weiter geprägt. Ich durfte praktisch viele Bereiche kennenlernen: Warenannahme, Auszeichnung, Buchhaltung, Dekoration, Visual Merchandising, Kasse, Kundenkontakt und später auch den Einkauf. Dadurch habe ich früh verstanden, dass Handel nur ganzheitlich funktioniert. Wenn am Ende ein Kunde begeistert aus dem Geschäft gehen soll, müssen im Hintergrund viele Dinge zusammenspielen: die richtige Ware, die richtige Präsentation, funktionierende Prozesse, gut informierte und motivierte Mitarbeiter und vor allem der persönliche Kontakt.
Später konnte ich Unternehmen in sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen mitgestalten: von Wachstum und neuen Standorten über Organisation, Verwaltung und Logistik bis hin zu Digitalisierung und Restrukturierung. Ich hatte dabei das Glück, immer wieder Chefs und Unternehmen zu erleben, die mir Raum gegeben haben, meine Leidenschaft für Mode, Veränderung und unternehmerisches Denken einzubringen.
Das erklärt auch meine besondere Affinität zu kleinen und mittelständischen, insbesondere familiengeprägten Unternehmen. Dort gibt es häufig die Möglichkeit, ganzheitlich zu denken, kurze Wege zu nutzen und Dinge tatsächlich einfacher, schneller und besser zu machen. Genau diese unternehmerische Nähe empfinde ich als großen Charme eines KMU.
Auch Digitalisierung begleitet mich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn. Schon während meiner Ausbildung habe ich Kundeninformationen systematisch festgehalten, um Kunden persönlich anzusprechen und ihre Wünsche besser zu verstehen. Aus heutiger Sicht war das Customer Relationship Management mit Notizblock und Sakkotasche. Später kamen digitale Bewerbungsprozesse, Workforce Management, interne Kommunikation und viele weitere digitale Themen hinzu.
Dabei ist für mich ein Grundsatz immer gleich geblieben: Digitalisierung ist dann sinnvoll, wenn sie Menschen unterstützt, Prozesse einfacher, schneller und besser macht und dadurch mehr Zeit für Kunden und Mitarbeiter schafft.
Wenn ich heute auf meinen beruflichen Weg zurückblicke, sehe ich einen klaren roten Faden: Ich war immer dort besonders engagiert, wo etwas aufgebaut, verändert oder weiterentwickelt werden sollte. Mich treibt bis heute die Frage an: Was können wir heute besser machen als gestern? Transformation ist für mich deshalb kein kurzfristiges Projekt und kein modernes Schlagwort. Sie verbindet Kundenerlebnis, Wachstum, Organisation, Führung, Technologie und unternehmerische Verantwortung.
Ich möchte technologisch nach vorne, aber beim menschlichen Kundenerlebnis zurück zu einer Stärke, die den Handel immer ausgezeichnet hat. Zurück in die Zukunft.
Seit Jahren wird im Handel über Digitalisierung gesprochen. Warum kommen notwendige Veränderungen trotzdem nicht konsequent genug voran?
„Handel ist Wandel“ ist ein bekannter Satz. Heute gilt er dringlicher denn je. Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.
Was wir derzeit erleben, ist aus meiner Sicht ein nie dagewesener Paradigmenwechsel. Viele Veränderungen treffen gleichzeitig aufeinander: ein verändertes Konsumentenverhalten, Konsumzurückhaltung und steigende Sparneigung, eine zunehmende Polarisierung des Konsums, Kostenexplosion, Digitalisierung und jetzt mit hoher Geschwindigkeit die nächste Entwicklungsstufe durch künstliche Intelligenz.
Das Tempo der Digitalisierung ist inzwischen so hoch, dass manche Unternehmen fast schon die Orientierung verlieren. Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Customer Centricity. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Was können wir technisch machen? Sondern: Was bringt unserem Kunden und unseren Mitarbeitern tatsächlich einen Mehrwert?
Viele Unternehmen wissen, dass sie sich verändern müssen. Sie kommen trotzdem nicht konsequent voran, weil Transformation häufig als einzelnes Projekt betrachtet wird. Ein neuer Onlineshop, ein neues Warenwirtschaftssystem, ein neues KI-Tool oder eine neue Kampagne verändern ein Unternehmen noch nicht grundlegend. Transformation betrifft die gesamte Organisation: Strategie, Prozesse, Strukturen, Verantwortlichkeiten, Führung, Kultur, Technologie und vor allem den Kunden.
„Digitalisierung ohne echte Neuausrichtung auf den Kunden ist Kosmetik. Transformation ohne Umbau der Organisation ist Theater.“ Das klingt zugespitzt, ist aber aus meiner Erfahrung sehr real.
Hinzu kommt die Angst vor falschen Entscheidungen. Unternehmen warten auf den perfekten Zeitpunkt, die perfekte Technologie oder vollständige Sicherheit. Diese Sicherheit wird es nicht geben. Abwarten, bis alles vorbei ist, ist in einer Zeit permanenter Veränderung keine Strategie.
Gerade deshalb kommt der Geschäftsführung eine besondere Verantwortung zu. Sie muss Orientierung geben, Klarheit schaffen, Prioritäten setzen und den Mut haben, Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig muss sie offen genug sein, andere Perspektiven einzubeziehen und eigene Entscheidungen auch zu hinterfragen.
Der vielleicht entscheidende Faktor ist dabei das Personal. Technologie kann vieles verändern. Erfolg entsteht aber nur, wenn Menschen die Veränderung verstehen, annehmen und mittragen. Eine erfolgreiche Transformation braucht deshalb nicht nur Technologie, sondern Authentizität, Klarheit, Offenheit, Ehrlichkeit, Mut, Entscheidungsstärke, Konsequenz und eine klare Kundenorientierung.
Am Ende geht es immer um eine einfache Frage: Wie können wir unser Unternehmen so aufstellen, dass es für unsere Kunden und unsere Mitarbeiter einfacher, besser und schneller funktioniert?
Geschäftsführung als Leuchtturm: Führung und Widerstand
Welche Rolle spielt die Geschäftsführung? Woran erkennen Sie, ob Veränderung tatsächlich gewollt ist oder ob nur einzelne neue Technologien eingeführt werden?
Die Geschäftsführung steht auf einer 360-Grad-Bühne. Ohne Vorhang.
Mitarbeiter und Führungskräfte beobachten sehr genau, was eine Geschäftsführung sagt, aber noch genauer, was sie tatsächlich tut. Deshalb muss eine Geschäftsführung in einer Zeit permanenter Veränderungen ein klarer Leuchtturm sein: Sie muss Vision und Richtung vorgeben, Orientierung schaffen und gleichzeitig die Menschen auf diesem Weg mitnehmen.
Mein Motto dabei lautet: argumentative Entscheidungsfindung. Damit meine ich, dass ich Mitarbeiter und Führungskräfte möglichst früh in Entscheidungsprozesse einbeziehe. Nicht, damit am Ende jeder alles entscheiden kann, sondern damit Argumente, Erfahrungen und mögliche Zweifel bereits vor einer Entscheidung auf den Tisch kommen. Ich halte meine Zweifler und Kritiker bewusst möglichst nah bei mir. Sie können Risiken erkennen, die man selbst übersieht. Wenn man diese Perspektiven ernst nimmt, kann aus Widerstand ein wichtiger Beitrag zur besseren Entscheidung werden.
Am Ende muss allerdings entschieden werden. Beteiligung bedeutet nicht Beliebigkeit. Eine Geschäftsführung muss unterschiedliche Rollen einnehmen: Moderator, Motivator, manchmal auch Zweifler und schließlich klarer Treiber der Entscheidung. Dafür braucht es Klarheit, Offenheit und Mut.
Was überhaupt keinen Platz haben darf, ist Silodenken. Abteilungs- und Bereichsgrenzen dürfen einer erfolgreichen Transformation nicht im Weg stehen. Ein Unternehmen muss ganzheitlich gedacht werden. Einkauf, Vertrieb, Marketing, Personal, IT, Logistik, Verwaltung und E-Commerce müssen auf ein gemeinsames Ziel einzahlen.
Genau deshalb funktionieren punktuelle Technologieeinführungen oder isolierte Prozessverbesserungen häufig nicht. Ein neues Tool muss in die Gesamtstrategie, die Prozesse und die Infrastruktur des Unternehmens passen. Sonst optimiert man möglicherweise einen einzelnen Bereich und verschlechtert gleichzeitig den Gesamtprozess. Ich möchte Mitarbeiter deshalb dazu animieren und einladen, ganzheitlich zu denken: Wo können wir Prozesse im gesamten Unternehmen einfacher, besser und schneller machen?
Ob Veränderung wirklich gewollt ist, erkennt man deshalb nicht an Präsentationen. Man erkennt es an Entscheidungen: Werden Ressourcen bereitgestellt? Werden alte Prozesse tatsächlich abgeschafft? Werden Mitarbeiter qualifiziert? Werden Führungskräfte befähigt? Und ist die Geschäftsführung bereit, auch eigene frühere Entscheidungen zu hinterfragen?
Mitarbeiter erwarten in einer Krise nicht, dass eine Geschäftsführung jede Unsicherheit beseitigt. Sie erwarten, dass sie Orientierung gibt. Und genau das ist für mich Führung: Orientierung geben, Menschen beteiligen, Entscheidungen treffen und Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen.
Wo liegen die größten Widerstände, wenn etablierte Abläufe verändert werden sollen?
Widerstände entstehen meiner Erfahrung nach häufig dort, wo die Geschäftsführung selbst nicht authentisch und nicht mit der notwendigen Klarheit hinter der Veränderung steht. Mitarbeiter spüren sehr schnell, ob eine Veränderung wirklich gewollt ist oder ob nur eine Präsentation dazu existiert.
Gleichzeitig sind Menschen Gewohnheitstiere. Sie verändern Dinge, die über Jahre funktioniert haben, nicht automatisch gerne. Ich habe häufig den Satz gehört: „Können wir das nicht so lassen, wie es ist? Es funktioniert doch.“ Meine Antwort war dann klar: Wir verändern es, damit es einfacher, schneller und besser funktioniert.
Entscheidend ist aber nicht die Ansage, sondern die Begründung. Ich habe versucht, den Mitarbeitern den konkreten Nutzen aufzuzeigen: Was wird für euch einfacher? Wo sparen wir Zeit? Wo reduzieren wir Fehler? Was wird für den Kunden besser? Welche Arbeit wird dadurch sinnvoller? Wenn Mitarbeiter diesen Nutzen erkennen, verändert sich die Haltung. Aus einem „Warum sollen wir das machen?“ wird ein „Wie können wir das gemeinsam schaffen?“
Deshalb halte ich Widerstand auch nicht grundsätzlich für etwas Negatives. Widerstand kann ein Frühwarnsystem sein. Er kann zeigen, dass eine Veränderung nicht ausreichend erklärt wurde, dass die Praxis nicht berücksichtigt wurde oder dass eine Lösung tatsächlich noch nicht gut genug ist.
Die Aufgabe der Geschäftsführung und der Führungskräfte besteht deshalb gerade in Zeiten großer Veränderung darin, Nähe zu den Mitarbeitern zu suchen. Man muss zuhören, Unsicherheit erkennen, empathisch reagieren und die Menschen an die Hand nehmen. Veränderung kann man nicht einfach verordnen. Man muss sie verständlich machen und gemeinsam gestalten.
Dabei hilft mir bis heute ein Leitsatz: „Was können wir heute besser machen, als wir es gestern gemacht haben?“ Das ist für mich keine Kritik an der Vergangenheit. Eine Entscheidung kann gestern richtig gewesen sein und heute trotzdem verändert werden müssen. Genau diese Haltung ermöglicht Entwicklung, ohne die Leistung der Vergangenheit abzuwerten.
Technologie mit Mensch statt Technologie gegen Mensch
Technologie wird häufig zum Ausgangspunkt einer Transformation gemacht. Was passiert, wenn Unternehmen zuerst über Systeme und Tools sprechen statt über Mitarbeiter, Führung und Verantwortung?
Als Mode- und Lifestyle-Händler laufen wir gerne Trends hinterher. Manchmal vielleicht auch dann, wenn wir uns nicht ausreichend die Frage stellen, welchen tatsächlichen Nutzen ein Trend für unsere Kunden, unsere Mitarbeiter und unser Unternehmen bringt.
Das gilt auch für Technologie. Alle digitalisieren, also müssen wir auch digitalisieren. Alle beschäftigen sich mit KI, also müssen wir auch etwas mit KI machen. Genau hier beginnt für mich konsequenter Pragmatismus.
Ich wurde einmal auf einer Veranstaltung als IT-Experte vorgestellt. Ich musste das gleich in meinem ersten Satz korrigieren: „Gott sei Dank bin ich kein IT-Experte. Ich verstehe relativ wenig von IT, aber ich weiß, was wir brauchen.“
Und genau das halte ich für eine wichtige Kompetenz einer Geschäftsführung. Ich muss nicht selbst programmieren können. Aber ich muss in der Lage sein, vorzugeben, welchen Nutzen ein Dashboard haben soll, wie ein Workflow funktionieren muss oder wie ein digitales Tool aufgebaut sein sollte, damit es den größtmöglichen Nutzen für die Organisation erzeugt.
Technologie ist kein Selbstzweck. Sie muss einen klaren Nutzen für Kunden und Mitarbeiter schaffen. Kurz gesagt: Sie muss einfacher, schneller und besser funktionieren. Das Entscheidende ist deshalb nicht Technologie gegen Mensch, sondern Technologie mit Mensch. Mitarbeiter und Technologie müssen in Einklang miteinander funktionieren, damit die Organisation ihr Potenzial ausschöpfen kann.
Gerade bei KI sehe ich enorme Chancen: bei Sortimenten, Nachfrage- und Bestandsanalysen, der Automatisierung von Routinen, der Kundenansprache, der Informationsbereitstellung für Mitarbeiter und bei der Reduzierung von Komplexität. Dort, wo Aufgaben klar definierbar, messbar und standardisierbar sind, kann KI sehr viel leisten. Aber die entscheidende Frage bleibt: Welches Problem lösen wir damit?
Wenn man einfach dem Trend der Digitalisierung oder neuen Technologien hinterherläuft, kann man am tatsächlichen Nutzen für Kunden und Mitarbeiter vorbeiarbeiten. Im Ergebnis gilt dann: außer Spesen nichts gewesen. Im schlimmsten Fall wird eine Organisation sogar komplexer. Mehr Systeme, mehr Schnittstellen, mehr manuelle Arbeit und mehr Prozesse können genau das Gegenteil bewirken.
Deshalb lautet mein Grundsatz: Technologie muss die Organisation einfacher, schneller und besser machen und den Mitarbeitern mehr Raum für den Kunden geben. Die Maschine liefert. Der Mensch schafft Bedeutung.
Gleichzeitig verändert sich das Verhalten der Kunden. Was müssen stationäre Händler über Kundenorientierung neu lernen, um gegenüber Onlinehandel und Plattformen relevant zu bleiben?
Ich glaube, der stationäre Handel muss Kundenorientierung nicht neu lernen. Er muss sich vielmehr wieder stärker auf seine eigenen Kernkompetenzen besinnen: Persönlichkeit, Aufmerksamkeit, Beratung und echte Begegnung. Hier ist mein Motto „Zurück in die Zukunft“: technologisch nach vorne, menschlich zurück zu einer Stärke, die den Handel schon immer ausgezeichnet hat.
Wir müssen den Fokus bedingungslos auf unsere Kunden richten. Gleichzeitig müssen wir die Komplexität aus den Prozessen unserer Mitarbeiter herausnehmen und ihnen smarte Begleiter an die Hand geben, damit sie heute einen noch besseren Service bieten können, als wir es früher konnten. KI und Daten können im Hintergrund für Effizienz, Geschwindigkeit und Relevanz sorgen. Die Mitarbeiter sollten im Vordergrund für Beziehung, Vertrauen und Begeisterung stehen.
Denn Kunden kommen nicht nur wegen eines Produkts. Sie suchen Inspiration, Beratung, Atmosphäre und das Gefühl, willkommen zu sein. Das schätzen alle Generationen. Der stationäre Handel hat etwas, das kein Algorithmus vollständig ersetzen kann: die persönliche Begegnung. Ein ehrliches Lächeln ist mehr wert als drei Klicks und eine automatische Bestätigungs-E-Mail.
Das bedeutet nicht, dass stationärer und digitaler Handel gegeneinander ausgespielt werden sollten. Die Zukunft liegt in einem intelligenten Omnichannel-Erlebnis: online Verfügbarkeit prüfen, reservieren oder bestellen und anschließend im Geschäft persönliche Beratung, Atmosphäre und Service erleben.
Ich möchte deshalb wieder stärker Orte schaffen, an denen Menschen gerne sind. Orte der Begegnung, Inspiration und Gemeinschaft. Und vielleicht gilt dabei mein persönlicher Leitsatz mehr denn je: LMAA, Lächle mehr als andere. Denn Menschen geben Persönlichkeit. Genau das wird im Handel der Zukunft wieder ein entscheidender Wettbewerbsvorteil sein.
Ergebnisdruck und der Handel der kommenden Jahre
Im Einzelhandel herrscht erheblicher Kosten- und Ergebnisdruck. Wie lässt sich langfristige Transformation vorantreiben, wenn gleichzeitig kurzfristig Ergebnisse geliefert werden müssen?
Langfristige Transformation und kurzfristiger Ergebnisdruck schließen sich für mich nicht nur nicht aus. Sie gehören sogar zusammen. Eine konsequente Transformation muss die Strukturen eines Unternehmens so verändern, dass es langfristig effizienter, kundenorientierter und wirtschaftlich erfolgreicher wird. Das kann Umsatz steigern, Wachstum fördern und gleichzeitig die Kostenstruktur entlasten.
Dabei muss man ganzheitlich rechnen. Eine neue Technologie kostet zunächst Geld. Aber entscheidend ist nicht allein die Investition, sondern die Frage: Was kostet uns die heutige Struktur? Eine alte, komplexe IT-Infrastruktur, zahlreiche Schnittstellen oder Prozesse mit vielen manuellen Eingriffen verursachen laufend Kosten. Gerade in Verwaltung und Logistik sehe ich hier häufig erhebliches Potenzial.
Deshalb muss eine Geschäftsführung Investitionen immer mit Budget und Cashflow abgleichen und gleichzeitig die Gesamtkosten betrachten: Prozesszeiten, manuelle Tätigkeiten, Fehlerquoten, Schnittstellen, Produktivität, Warenverfügbarkeit und Auswirkungen auf Umsatz und Kundenbindung. Transformation kostet zunächst Geld, kann aber langfristig Geld sparen. Wer nur die Investition betrachtet, sieht die Belastung. Wer die Gesamtkosten betrachtet, erkennt die mögliche Entlastung.
Ich würde Transformationsmaßnahmen deshalb in drei Kategorien betrachten: Maßnahmen, die kurzfristig Ergebnis und Effizienz verbessern. Maßnahmen, die zunächst investieren, aber mittelfristig Kosten entlasten. Und strategisch notwendige Maßnahmen, deren wirtschaftlicher Effekt erst später sichtbar wird. Entscheidend ist die Priorisierung und konsequente Umsetzung.
Gerade in schwierigen Zeiten darf kurzfristiges Sparen nicht mit nachhaltiger Effizienz verwechselt werden. Es kann sehr teuer werden, an ineffizienten Strukturen festzuhalten, nur weil ihre Veränderung zunächst eine Investition erfordert. Die beste Transformation ist für mich deshalb nicht die mit der modernsten Technologie, sondern die, die am Ende die Organisation einfacher, schneller, besser und wirtschaftlich erfolgreicher macht.
Welche Veränderung wird den deutschen Einzelhandel in den kommenden Jahren stärker prägen, als viele Verantwortliche heute noch erwarten?
Ich glaube, dass Technologie und der Faktor Mensch künftig noch stärker in Einklang gebracht werden müssen. Wir sprechen heute häufig über Personalkosten und Personalentwicklung als Kostenfaktoren, bei denen man sparen müsse. Paradoxerweise liegt genau darin ein entscheidender Hebel für den zukünftigen Erfolg. Umsatz auf der Fläche wird durch Menschen gemacht, mit Menschen.
Technologie kann im Hintergrund immer mehr Aufgaben übernehmen: Warenwirtschaft, Disposition, Logistik, Bestandsmanagement, Personaleinsatzplanung, Kundenansprache und viele administrative Routinen. Dadurch entsteht eine große Chance: Wir können Mitarbeiter von Komplexität und Routinetätigkeiten entlasten und ihnen wieder mehr Zeit für den Kunden geben.
Auf der Verkaufsfläche erwarten Kunden keine Maschine. Sie erwarten ein Erlebnis, Begeisterung und Freude. Sie wollen als Mensch empfangen, beraten und wertgeschätzt werden. Sie wollen persönliche positive Erfahrungen machen. Wie gut geht es uns, wenn uns jemand einfach ein Lächeln schenkt? Es kostet denjenigen, der es schenkt, kein Geld und kann beim anderen trotzdem große Freude auslösen. Genau deshalb glaube ich, dass Menschlichkeit im Handel nicht an Bedeutung verlieren, sondern gewinnen wird.
Die Verkaufsfläche der Zukunft ist nicht nur ein Warenlager mit Kasse. Sie ist ein Ort der Begegnung, Inspiration und Gemeinschaft. Menschen kommen in die Innenstadt nicht ausschließlich, um Waren zu kaufen. Sie suchen Erlebnisse, Beratung, Atmosphäre und soziale Kontakte.
Daraus entsteht für mich eine neue Rollenverteilung zwischen Maschine und Mensch: Die Maschine übernimmt zunehmend Routinen und bereitet Entscheidungen vor. Der Mensch schafft Vertrauen, Orientierung, Beziehung und Begeisterung. Das ist für mich „Zurück in die Zukunft“: technologisch nach vorne und menschlich zurück zu einer Stärke, die den Handel immer ausgezeichnet hat, nämlich Persönlichkeit, Nähe und Beratung.
Und vielleicht ist genau das die größte Aufgabe einer Geschäftsführung der Zukunft: Technologie und Mensch so zusammenzubringen, dass aus Effizienz wieder mehr Zeit für das entsteht, worum es im Handel im Kern immer ging. Um Menschen.
Transformation im Einzelhandel: technologisch nach vorne, menschlich zurück
Thomas Klein zeichnet ein Bild, das sich deutlich von der üblichen Tool-Debatte abhebt. Transformation im Einzelhandel ist für ihn kein Softwareprojekt, sondern ein Umbau der gesamten Organisation, von der Strategie über Prozesse und Verantwortlichkeiten bis zur Kultur. Ob ein Unternehmen es ernst meint, zeigt sich an Entscheidungen: an bereitgestellten Ressourcen, abgeschafften Altprozessen, qualifizierten Mitarbeitern und einer Geschäftsführung, die auch eigene frühere Entscheidungen hinterfragt. Widerstand versteht er dabei nicht als Störung, sondern als Frühwarnsystem, das auf fehlende Erklärung oder unausgereifte Lösungen hinweist.
Für den Einzelhandel in Deutschland ist diese Sicht besonders relevant, weil Kostendruck und Konsumzurückhaltung viele Händler zu kurzfristigem Sparen verleiten. Kleins Gegenargument ist ökonomisch: Wer nur die Investition sieht, übersieht die laufenden Kosten alter Strukturen, manueller Eingriffe und zahlreicher Schnittstellen. Sein Dreiklang aus schnellen Effizienzgewinnen, mittelfristig entlastenden Investitionen und strategisch notwendigen Schritten bietet gerade mittelständischen Händlern eine pragmatische Priorisierung. Wie sich solche Vorhaben im Alltag konsequent umsetzen lassen, beschreibt auch unser Beitrag zur Strategieumsetzung im Mittelstand.
Der wohl wichtigste Gedanke betrifft die Rollenverteilung: Technologie übernimmt im Hintergrund Warenwirtschaft, Disposition und Routinen, damit Mitarbeiter auf der Fläche wieder Zeit für Beratung und Begegnung haben. Damit wird Personal vom reinen Kostenfaktor zum Wettbewerbsvorteil gegenüber Onlinehandel und Plattformen. Wer diesen Gedanken vertiefen will, findet in unserem Beitrag Kundenbindung stärken weitere Hebel für den Mittelstand.
FAQ zur Transformation im Einzelhandel
Was bedeutet Transformation im Einzelhandel?
Gemeint ist nicht die Einführung einzelner Systeme, sondern die Neuausrichtung des gesamten Unternehmens auf den Kunden. Dazu gehören Strategie, Prozesse, Strukturen, Verantwortlichkeiten, Führung, Kultur und Technologie. Ein neuer Onlineshop oder ein KI-Tool allein verändert ein Handelsunternehmen noch nicht grundlegend.
Warum scheitern Digitalisierungsprojekte im Handel häufig?
Oft werden sie als isolierte Projekte behandelt oder einem Trend folgend gestartet, ohne zu klären, welches Problem sie lösen. Hinzu kommen Silodenken zwischen Abteilungen und eine Geschäftsführung, die nicht erkennbar hinter der Veränderung steht. Im schlimmsten Fall entstehen mehr Systeme, mehr Schnittstellen und mehr manuelle Arbeit.
Wo kann KI im stationären Handel sinnvoll helfen?
Überall dort, wo Aufgaben klar definierbar, messbar und standardisierbar sind: bei Sortiments-, Nachfrage- und Bestandsanalysen, in der Disposition, bei der Automatisierung von Routinen, in der Kundenansprache und bei der Informationsbereitstellung für Mitarbeiter. Ziel ist, Mitarbeitern mehr Zeit für den Kunden zu verschaffen.
Wie lassen sich Transformation und Kostendruck vereinbaren?
Indem nicht nur die Investition, sondern die Gesamtkosten der heutigen Struktur betrachtet werden, etwa Prozesszeiten, Fehlerquoten, Schnittstellen und Warenverfügbarkeit. Maßnahmen lassen sich priorisieren in kurzfristig wirksame, mittelfristig entlastende und strategisch notwendige Schritte.
Warum bleibt der stationäre Handel trotz Onlinehandel relevant?
Weil er etwas bietet, das kein Algorithmus vollständig ersetzen kann: persönliche Begegnung, Beratung, Atmosphäre und das Gefühl, willkommen zu sein. In einem Omnichannel-Modell prüfen Kunden online Verfügbarkeit oder reservieren, das Erlebnis findet im Geschäft statt.









