Nutzhanf als Rohstoff: Warum Bäckereien auf die Herkunft achten sollten

Nutzhanf landet immer häufiger im Brot – als Saat auf der Kruste oder geschält im Teig. Wer ihn einkauft, entscheidet dabei über mehr als den Preis: Herkunft, Sortenwahl und Verarbeitung bestimmen Qualität und Liefersicherheit. Carsten Hänsel, Co-Founder von hanfhuette.com in Gera, beliefert Thüringer Großbäckereien mit Nutzhanf aus einer Genossenschaft und sucht bundesweit weitere Betriebe. Im Interview erklärt er, warum er sich bewusst gegen günstige Importware entschieden hat.

Nutzhanf aus der Genossenschaft statt aus dem anonymen Großhandel

Ihr beliefert mittlerweile Thüringer Großbäckereien mit Hanfsamen und sucht bundesweit nach weiteren Bäckereien. Was unterscheidet euren Rohstoff aus der Genossenschaft Agronaro konkret von Importware aus dem Großhandel?

Der größte Unterschied ist für mich die Transparenz und die Kontrolle über die gesamte Wertschöpfungskette. Unsere Hanfsamen kommen nicht aus einem anonymen Großhandelsbestand. Bei Agronaro kommt alles aus einer Hand – von der Züchtung und Auswahl der Sorten über Aussaat und Ernte bis hin zur Reinigung und Verarbeitung.

Angebaut wird in Tschechien. Die Genossenschaft wird von deutschen Landwirten geführt, die sich seit vielen Jahren intensiv mit Nutzhanf beschäftigen. Angebaut werden unter anderem die Sorten Santhica, Ferimon, Felina und Futura. Auf den Einsatz von Herbiziden und Pestiziden wird verzichtet, und die Ernte wird regelmäßig im Labor geprüft. Auch die Verarbeitung erfolgt innerhalb der Genossenschaft – beispielsweise mit einer eigenen Schälanlage.

Was das für Bäckereien konkret bedeutet, fasst Carsten Hänsel in fünf Punkten zusammen:

  • Nachvollziehbare europäische Herkunft statt anonymer Ware aus wechselnden Quellen
  • Konstant hohe Qualität durch feste Sorten und regelmäßige Laborprüfung
  • Liefersicherheit auch bei größeren Mengen über die Strukturen der Genossenschaft
  • Angenehmerer Geschmack im Vergleich zu klassischer Großhandelsware – so die Rückmeldung aus den Betrieben
  • Weichere Konsistenz der Samen, was sich in der Verarbeitung bemerkbar macht

Natürlich könnten wir Hanfsamen aus günstigeren Importregionen billiger einkaufen. Wir haben uns aber ganz bewusst dagegen entschieden. Hanfhütte ist selbst Mitglied bei Agronaro, und wir beziehen die Hanfrohstoffe für unsere eigenen Produkte freiwillig und exklusiv über unsere Genossenschaft. Für uns geht es nicht darum, möglichst günstig irgendeinen Hanfsamen zu handeln. Wir wollen wissen, wo unser Rohstoff herkommt und wie er entstanden ist.

Damit verschiebt sich die Einkaufslogik beim Nutzhanf: Nicht der niedrigste Kilopreis entscheidet, sondern die Kosten, die schwankende Qualität im Prozess verursacht – ein Zusammenhang, der auch bei Qualitätskosten in der Produktion immer wieder unterschätzt wird.

Was der Profifußball über Unternehmertum lehrt

Du warst früher im Profifußball aktiv, unter anderem bei Rot-Weiß Erfurt und Wismut Gera. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen, das dir heute als Unternehmer hilft?

Der Fußball hat mich über viele Jahre geprägt – zunächst als Spieler, ab 2004 als Trainer und später bis 2021 als Sportdirektor. Was ich daraus vor allem mitgenommen habe, ist die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen und immer wieder aufzustehen.

Ein Erlebnis ist mir bis heute besonders im Gedächtnis geblieben. Ich hatte ein Vertragsangebot von einem Bundesligaverein, und am Tag der geplanten Vertragsunterschrift hat sich der Wechsel aufgrund vereinsinterner Umstrukturierungen plötzlich zerschlagen. In solchen Momenten lernst du sehr schnell, dass du nicht alles selbst beeinflussen kannst. Entscheidend ist, was du danach machst.

Man muss seine Konkurrenz respektieren, aber man darf sie niemals für unschlagbar halten.

Als Spieler war ich vor allem Mannschaftsmensch, später als Trainer musste ich Verantwortung übernehmen und führen. Und ich habe aus dem Fußball auch gelernt, was ich als Unternehmer anders machen möchte. Im Profisport werden Spieler häufig zum Mittel zum Zweck und sind schnell austauschbar. Gute Mitarbeiter sind das für mich nicht. Sie sind ein wesentlicher Teil des Unternehmens. Deshalb sollte man sie wertschätzen, entwickeln und gut mit ihnen umgehen.

Rund 60 Prozent des Geschäfts entstehen über das Netzwerk

Seit 2021 bist du bei BNI aktiv und hast dich vom Gast zum aktiven Netzwerker entwickelt. Was hat sich für dein Unternehmen dadurch konkret verändert?

Zu BNI bin ich 2021 eigentlich durch Zufall gekommen. Ein Mitglied unserer Genossenschaft hat mich damals als Gast zu einem Treffen eingeladen. Heute bin ich im Chapter Karl Heine in Leipzig aktiv, und BNI ist für uns längst weit mehr als nur ein Netzwerk.

Eine Geschichte zeigt das besonders gut. Im August 2022 war ich bei einem Treffen des Dresdner Chapters „August der Starke“. Thomas Werker hatte Caro von der Eierpunschmanufaktur aus Heidenau als Gast mitgebracht und sagte noch, bevor es richtig losging, sinngemäß zu uns: „Ihr beiden müsst euch unbedingt unterhalten, das könnte gut passen.“

Beim gemeinsamen Frühstück entstand dann tatsächlich die Idee: Warum machen wir nicht einen Eierpunsch mit Hanf? Wenige Tage später haben wir uns zusammengesetzt, ausprobiert und verkostet. Pünktlich zur Weihnachtszeit 2022 kam unser Hanfdampf-Eierpunsch mit unserem Hanfgeist auf den Markt. Heute gehört er zu unseren Bestsellern. Ohne diese persönliche Verbindung über BNI würde es dieses Produkt vermutlich nicht geben.

Und das ist kein Einzelfall. Über BNI sind Bäckereikontakte, Händler, Lieferanten, Kooperationen und neue Produkte entstanden. Wenn ich den wirtschaftlichen Einfluss des Netzwerks auf unser Unternehmen grob beziffern müsste, würde ich sagen, dass heute rund 60 Prozent unseres Geschäfts direkt oder indirekt mit BNI verbunden sind.

Gleichzeitig hat BNI auch mich verändert. Man lernt dort sehr schnell, sein eigenes Unternehmen so zu erklären, dass andere wirklich verstehen, was man macht und wen man sucht. Gerade bei einem Thema wie Nutzhanf ist das enorm wichtig. Netzwerken bedeutet für mich heute nicht, möglichst viele Kontakte zu sammeln. Es bedeutet, Beziehungen aufzubauen, Vertrauen zu schaffen und dafür zu sorgen, dass andere im richtigen Moment an dich denken.

Vorurteile gegen Nutzhanf: „Werde ich davon high?“

Viele Menschen reagieren beim Wort Hanf zunächst mit Vorurteilen. Wie schaffst du es, aus Skepsis am Tresen oder beim Netzwerktreffen echtes Interesse zu machen?

Die häufigste Frage, die ich an unserem Stand höre, ist tatsächlich: „Werde ich high, wenn ich eure Produkte esse?“ Meine Antwort ist dann ganz schlicht: „Nein.“ Und erstaunlich oft kommt zurück: „Schade!“ Damit ist das Eis meistens schon gebrochen.

Ich gehe mit solchen Vorurteilen lieber mit Humor um, als jemanden mit einem langen Vortrag überzeugen zu wollen. Häufig lasse ich die Leute einfach erst einmal probieren – zum Beispiel unsere Rinderhanfsalami oder die Rinderknacker mit Hanfsamen. Auch bei unserer Schokolade erleben wir das immer wieder: Erst ist da Skepsis, dann wird probiert, und plötzlich heißt es: „Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“

Was mich nach wie vor erstaunt, ist, wie häufig Hanf automatisch mit einer Droge gleichgesetzt wird. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es Nutzhanf gibt und dass Hanf als Lebensmittel nicht berauschend ist. Welche Anforderungen für hanfhaltige Lebensmittel gelten, erklärt das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in einem eigenen FAQ.

Auch der Begriff Cannabis führt häufig zu Missverständnissen. Cannabis ist zunächst einmal die botanische Bezeichnung der Pflanzengattung. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff aber fast ausschließlich mit berauschendem Cannabis verbunden. Dadurch gerät schnell aus dem Blick, was diese Pflanze noch alles kann.

Ich möchte Cannabis dabei gar nicht schlechtreden. Mir geht es vielmehr darum zu zeigen: Hanf ist viel mehr als das, woran die meisten Menschen zuerst denken. Und manchmal braucht es dafür gar keine große Diskussion – sondern einfach ein Stück Salami oder Schokolade.

Warum das genossenschaftliche Modell Stabilität gibt

Ihr seid Teil einer Genossenschaft mit über 2.000 Mitgliedern und mehr als 15 Jahren Entwicklung. Welche Rolle spielt dieses genossenschaftliche Modell für die Stabilität und Ausrichtung von hanfhuette.com?

Für uns ist die Genossenschaft weit mehr als nur ein Rohstofflieferant. Wir arbeiten inzwischen seit rund fünf Jahren eng mit Agronaro zusammen und haben uns ganz bewusst dafür entschieden, unsere Hanfrohstoffe exklusiv über die Genossenschaft zu beziehen. Der Grund ist einfach: Wir kennen die Qualität, wir wissen, wo der Hanf herkommt, und die komplette Wertschöpfung erfolgt aus einer Hand.

Mindestens genauso wichtig ist uns aber der persönliche Kontakt. Wir stehen im direkten Austausch mit den Landwirten und den Verantwortlichen der Genossenschaft. Nach fünf Jahren Zusammenarbeit sind daraus teilweise sogar Freundschaften entstanden. Man merkt einfach, dass dort Menschen mit echter Leidenschaft hinter dem Nutzhanf stehen.

Gleichzeitig gibt uns dieses Modell als Unternehmen eine enorme Stabilität. Wir können uns darauf verlassen, dass Rohstoffe verfügbar sind, auch größere Mengen geliefert werden können und wir Unterstützung bekommen, wenn wir sie brauchen. Gerade wenn wir künftig bundesweit Bäckereien zuverlässig beliefern wollen, ist diese Liefersicherheit entscheidend.

Ich mag außerdem den genossenschaftlichen Gedanken. Agronaro ist keine geschlossene Gesellschaft für wenige große Investoren, sondern eine Genossenschaft, an der sich ganz unterschiedliche Menschen beteiligen können. Die mehr als 2.000 Mitglieder kommen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum, aber auch aus anderen Teilen der Welt. Und trotz dieser Größe wird der persönliche Kontakt zu den Mitgliedern gepflegt.

Für Hanfhütte bedeutet das: Wir können als vergleichsweise kleines Unternehmen auf ein großes Netzwerk, viel Know-how, Rohstoffsicherheit und verlässliche Strukturen zurückgreifen, ohne dass die persönliche Zusammenarbeit verloren geht. Genau diese Kombination ist für uns sehr wertvoll.

B2B und Genuss: Wohin sich hanfhuette.com entwickeln soll

Wo siehst du hanfhuette.com in den nächsten Jahren – mehr im Bäckereigeschäft, im Genussbereich mit Sekt und Spirituosen oder in beiden Bereichen gleichzeitig wachsend?

Für mich ist das ganz klar beides. Ich sehe das Bäckereigeschäft und den Genussbereich auch gar nicht als Gegensatz. Wenn eine Bäckerei mit unseren Hanfsamen ein gutes Brot oder Brötchen entwickelt, ist das schließlich genauso Genuss.

Wir wollen uns langfristig bundesweit als zuverlässiger Rohstofflieferant für die Backbranche etablieren. Dabei sprechen wir sowohl Bäckereien an, die bereits Erfahrung mit Hanf haben, als auch Betriebe, für die das Thema noch völlig neu ist. Gerade dort können wir nicht nur den Rohstoff liefern, sondern auch unsere Erfahrung rund um Nutzhanf einbringen.

Parallel dazu bleibt unser eigener Genussbereich ein fester Bestandteil von Hanfhütte. Unser Onlineshop ist unabhängig vom B2B-Geschäft fest in unserer Strategie verankert. Gleichzeitig sind wir ständig auf der Suche nach neuen Produkten und Ideen, mit denen sich Hanf kulinarisch neu entdecken lässt. Wir wollen uns weiterentwickeln und auch künftig regelmäßig neue Hanfprodukte auf den Markt bringen.

Unser Ziel ist deshalb nicht entweder B2B oder Endkundengeschäft. Wir wollen Hanf auf möglichst vielen Wegen als hochwertiges Lebensmittel etablieren – im Brot und Brötchen beim Bäcker genauso wie mit unseren eigenen Genussprodukten.

Wenn wir uns 2030 noch einmal über Hanfhütte unterhalten, möchte ich sagen können: Wir haben uns in der Nutzhanfbranche einen Namen gemacht und gehören zu den ersten Ansprechpartnern, wenn es um hochwertigen Nutzhanf als Lebensmittel geht.

FAQ zu Nutzhanf als Rohstoff für Bäckereien

Macht Nutzhanf im Brot berauschend?

Nein. Nutzhanf ist eine Faser- und Nutzpflanze, die als Lebensmittel nicht berauschend wirkt. Für hanfhaltige Lebensmittel gelten in Deutschland eigene rechtliche Vorgaben, über die das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit informiert.

Woran erkennt eine Bäckerei guten Nutzhanf?

An der Nachvollziehbarkeit: Wer Sorte, Anbauregion, Erntejahr und Laborprüfung benennen kann, liefert in der Regel auch konstante Qualität. Laut Carsten Hänsel zeigen sich Unterschiede zusätzlich in Geschmack und Konsistenz der Samen.

Welche Hanfsorten werden für Lebensmittel angebaut?

Hanfhütte bezieht Nutzhanf unter anderem der Sorten Santhica, Ferimon, Felina und Futura aus dem Anbau der Genossenschaft Agronaro in Tschechien.

Lohnt sich Nutzhanf auch für kleinere Backbetriebe?

Nach Einschätzung von Carsten Hänsel ja – gerade Betriebe ohne Hanf-Erfahrung profitieren davon, wenn der Lieferant nicht nur den Rohstoff, sondern auch Anwendungswissen mitbringt.

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